Tempelinventar

BGU II 387 (P. 7083)

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Ein Krokodil mit Falkenkopf – in dieser Mischgestalt tritt uns eine Erscheinungsform des ägyptischen Krokodilgottes Sobek entgegen, wie er unter dem Namen Soknopaios als Orakel- und Heilgott in vielen Orten in der Faijumoase verehrt wurde. Aus seinem Hauptkultort Soknopaiu Nesos am Nordrand des Faijum stammt das hier präsentierte, fragmentarisch auf Papyrus erhaltene Inventar über den Besitz dieses Tempels – die „Schätze des Soknopaios“.

Der Papyrus wurde vermutlich in den Ruinen des antiken Ortes Soknopaiu Nesos gefunden, das heute Dimê heißt und am Nordufer des Qarun Sees liegt. Später gehörte er zur Privatsammlung des Ägyptologen Heinrich Brugsch und kam 1891 in die Berliner Papyrussammlung. In Soknopaiu Nesos, dessen Name „Insel des Soknopaios“ bedeutet, stand der bedeutendste Tempel, der dem Soknopaios gewidmet war. Es haben sich nicht nur beeindruckende Reste der Tempelanlage erhalten, sondern auch unzählige Texte auf Papyrus, die Einblicke in die Arbeit dieses Heiligtums und seiner Priester geben.

Zu diesen Arbeiten der Priester zählte auch, den römischen Behörden am Ende eines jeden Jahres verschiedene Verzeichnisse über das Tempelpersonal, Inventare über den Besitz des Tempels und Berichte über ihre Einnahmen und Ausgaben des Tempels zu übergeben. Um ein solches Inventar handelt es sich auch bei dem hier präsentierten Text.

Von dem usprünglichen Text haben sich Reste von zwei Kolumnen erhalten. Die erste Kolumne enthält die Zielenenden des Anfangs dieses Inventars. Hier werden die Priester namentlich genannt, die dieses Inventar einreichen. Zudem enthält diese Einleitung das Datum, an dem dieses Inventar erstellt und eingereicht wurde. Leider haben sich von dieser Datierungsformel nur zwei Wörter erhalten. Da aus diesen aber abzulesen ist, dass zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes zwei Kaiser regiert haben, lässt sich der Text in den Zeitraum 161–169 oder 177–180 n.Chr. datieren.

Auf die Einleitung folgt die eigentliche Liste, die detailliert die Objekte beinhaltet, die sich im Heiligtum befanden. Dabei handelte es sich nicht um den gesamten Besitz, sondern lediglich um die Kultgegenstände. Dazu zählen u.a. mehrere Schreine aus Holz, die vergoldet oder versilbert oder mit Bronze beschlagen und zum Teil sogar versiegelt waren. Hinzu kommen aus Bronze oder Silber gefertigte Statuen, Statuetten und Büsten von Göttern und Tieren (z.B. Löwen und Ibisse), aber auch rituelle Gerätschaften wie Leuchter und Räuchergefäße und für den Kult benötigtes Geschirr – darunter mehrere so genannte Bes-Gefäße. Zu allen aufgelisteten Gegenständen wird das Material und mitunter auch das Gewicht angegeben.

Warum mussten die Priester solche Inventare an die römischen Behörden einreichen? Noch in der ptolemäischen Zeit hatten die Heiligtumer und ihre Priester großen politischen und wirtschaftlichen Einfluß, großen Reichtum und waren weitgehend frei von staatlichen Zwängen. Mit dem Beginn der römischen Herrschaft wurden sie politisch und wirtschaftlich entmachtet und einer scharfen administrativen Kontrolle unterstellt. Mit Inventarlisten wie dem hier präsentierten Text wurde die Vollständigkeit der Kultgegenstände überprüft.

Solche Inventarverzeichnisse waren mit Begleitschreiben versehen. Ein Beispiel, das zu einem späteren Verzeichnis aus dem Jahr 220 n. Chr. gehört, befindet sich in der Berliner Papyrussammlung. Deutlich zu erkennen ist am Ende des Dokuments die Empfangsbestätigung des Königlichen Schreibers, an den das Schreiben und die Inventarliste adressiert sind.

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