Theophaniehymnen

P. 11633

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„Jauchzet dem Herrn alle Lande.“ Aus dem antiken christlichen Kontext sind viele Hymnen überliefert. Mitunter sind sie sogar auf konkrete Anlässe bezogen. Bestimmte Feste des Kirchenjahres hatten schon in der Frühzeit des Christentums ihre liturgischen Gesangstexte. Ein solches Beispiel hat sich auf diesem Papyrus aus der Berliner Papyrussammlung erhalten.

Das schmale und hohe Papyrusblatt ist an den Seiten und unten vollständig, aber oben abgebrochen. Der Text ist in einer recht ordentlichen, deutlich nach rechts geneigten Buchschrift geschrieben worden, die sich in das späte 8. bzw. 9. Jh. n. Chr. datieren lässt. Die Anfangsbuchstaben der Zeilen 8 und 29 sind vergrößert und ragen in den linken Rand hinein. Damit sollten verdeutlicht werden, dass hier ein neuer Abschnitt beginnt. Diese Trennung wird zusätzlich am Ende von Zeile 28 gekennzeichnet, wo ein Doppelpunkt und ein geschweifter Bogen gesetzt wurden, der den Rest der Zeile füllt. Da am Anfang des Textes jedoch eine unbekannte Anzahl an Zeilen nicht mehr vorhanden ist, bleibt unsicher, ob der erhaltene Text zu einer Hymne mit mehreren Abschnitten gehört oder zumindest in Zeile 29 eine zweite Hymne beginnt. Innerhalb des Textes wurden Sinnzeilen durch hochgestellte Schrägstriche bzw. ein Häkchen getrennt, um das Lesen bzw. Singen der Hymnen zu erleichtern. Vereinzelt finden sich Korrekturen über den Zeilen. Rechtschreibung und Grammatik sind mangelhaft, erschweren das Verständnis des Textes und bilden einen deutlichen Kontrast zur ordentlichen Schrift. Wie in christlichen Texten häufig wurden die nomina sacra gekürzt und mit einem Strich über den Buchstaben versehen.

Besungen wird die Taufe Jesu Christi im Jordan, dessen Fest innerhalb des Kirchenjahres zum Theophanie-Fest (Epiphanias – Erscheinung des Herrn) am 6. Januar gehört. Der Text lehnt sich an die neutestamentlichen Berichte über dieses Ereignis an und benutzt mehrere Verse aus den alttestamentlichen Psalmen. Im unvollständig erhaltenen ersten Abschnitt setzt der Text mit der Ankunft Jesu Christi am Jordan und seine Freude über die bevorstehende Taufe ein. Vor allem wird seine Hoheit und Herrlichkeit gefeiert. Im zweiten Abschnitt wird die Gemeinde zu Freude und Frohlocken über dieses Ereignis aufgerufen. Dabei wird zunächst an die Geburt Jesu Christi erinnert und dann auf verschiedene Wunder aus seinem späteren Leben verwiesen: die Verwandlung des Wassers zu Wein auf der Hochzeit zu Kana, die Heilung eines Blinden im Teich Siloah, die Heilung eines Aussätzigen und die Speisung der Fünftausend mit fünf Broten. Am Ende dieses Abschnitts wird der Erzählfaden des ersten Abschnitts wiederaufgenommen und die Taufe durch Johannes und Gottes Anerkennung Jesu als Sohn beschrieben. Der letzte Abschnitt berichtet noch einmal recht nüchtern über die Ereignisse am Jordan. Dieser Kontrast zu den ersten beiden Abschnitten, die Wiederholungen der Details und die oben beschriebene, deutliche Trennung des letzten Abschnitts vom Rest des Textes lassen es denkbar erscheinen, dass hier eine neue Hymne zu erkennen ist.

Möglicherweise wurde das Blatt als Amulett benutzt, worauf die Spuren von Faltungen hinweisen könnten. Beide Hymnen zeigen, dass Epiphanias in Ägypten jener Zeit schon als Fest der Taufe gefeiert wurde. Insbesondere im ersten Hymnus wird zudem auch der Reichtum dieses Festes deutlich, wenn verschiedene Wunder genannt und mit diesem Fest verbunden werden.

Diese christlichen Hymnen sind momentan in der Sonderausstellung „Klangbilder – Musik im Alten Ägypten“ zu sehen.

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