BKT X 26 (P. 7977)
Wer heute unter Fieber oder Schmerzen leidet, vertraut vermutlich auf die moderne Medizin. Doch blickt man in das Ägypten des 4. oder 5. Jahrhunderts nach Christus zurück, begegnet uns eine völlig andere Vorstellung von Heilung. In einer Zeit, in der Krankheiten oft als das Werk von Dämonen verstanden wurden, war die Grenze zwischen Medizin und Magie fließend. Man suchte Hilfe in der sogenannten Iatromagie, einer Heilkunst, die das geschriebene und gesprochene Wort gegen das Leid einsetzte.
Ein besonders faszinierendes Stück in der Berliner Papyrussammlung ist dieses kleine Pergament, das aus der Region Faijûm stammt und uns bei genauerer Betrachtung nicht nur die Ängste der Menschen von vor über 1000 Jahren, sondern auch einen seltenen Einblick in das Wissen antiker Heiler offenbart.
Schon die physische Beschaffenheit des Objekts ist bemerkenswert. Das ursprüngliche Blatt war etwa 7 x 11 cm groß, doch sein Fundzustand lässt auf eine rituelle Handlung schließen: Es wurde siebenmal horizontal nach innen gefaltet und anschließend mehrfach vertikal geknickt. Am Ende entstand ein winziges, festes Päckchen von gerade einmal 0,8 x 1,3 cm. Dieses sogenannte „περίαπτον“ also etwas, das man sich umhängt, war darauf ausgelegt, nah am Körper getragen zu werden. Vielleicht wurde es in ein Gewand eingenäht oder um den Hals getragen. Die Faltung diente dabei wohl nicht nur der Handlichkeit, sondern sollte die magische Kraft des Textes im Inneren versiegeln und den Träger wie ein Schutzschild umgeben.
Der Text selbst ist in einem Griechisch verfasst, das uns heute vor einige Rätsel stellt. Er beginnt mit den Worten „βιβίου βιβίου σφη νοση“. Diese unverständliche Wortfolge war in der Antike als eine Art göttlicher Code zu verstehen. Sie sollten die Aufmerksamkeit übernatürlicher Mächte auf sich lenken und die Autorität des Zauberspruchs untermauern.
Zudem besteht ein Amulett normalerweise aus dem eigentlichen Spruch, dem logos (λόγος). In diesem Fall scheint der Schreiber jedoch etwas unsauber vorgegangen zu sein. Denn er kopierte aus seinem Handbuch nicht nur den Zauberspruch, sondern auch die dazugehörige Arbeitsanweisung „πρᾶξις“. So liest man auf dem Pergament die Anweisung, man solle die Inschrift auf ein Zettelchen schreiben und sie dem Leidenden umbinden. Es ist fast so, als hätte ein moderner Apotheker die Gebrauchsinformation eines Medikaments direkt mit auf die Tablette gedruckt.
Besonders deutlich wird dieser Charakter als Abschrift auch durch ein kleines Zeichen in Zeile 4: Dort steht kein Name, sondern nur ein delta mit einem senkrechten Strich „δ“. Das ist ein antikes Kürzel für das Wort „δεῖνα“, was so viel bedeutet wie „N.N.“ oder „Name hier einsetzen“. Der Schreiber hat es schlicht versäumt, das „δ“ durch den tatsächlichen Namen des Patienten zu ersetzen. Dass das Amulett dennoch gefaltet und offensichtlich genutzt wurde, lässt darauf schließen, dass man entweder die Vorlage nicht vollständig verstand oder dem exakten Wortlaut des Handbuchs eine so große Eigenmacht zuschrieb, dass selbst der Platzhalter als heilkräftig angesehen wurde.
Inhaltlich ist das Amulett trotz seiner magischen Formeln auch im christlichen Weltbild verankert. Mit dem Befehl „ἀναχώρει“, also „Weiche!“, wird die Krankheit direkt als Dämon angesprochen und aufgefordert, von dem „Geschöpf Gottes“ abzulassen. Der hier verwendete Begriff „πλάσμα“ für das Geschöpf verweist auf die biblische Vorstellung des Menschen als Gottes Schöpfung. In diesem exorzistischen Kontext, wird die Heilung so dargestellt, dass der Dämon kein Recht darauf hat, eine Schöpfung Gottes zu besetzen. Wobei man unter Exorzismus die rituelle Austreibung von Dämonen und bösen Mächten versteht, von denen man glaubt, dass sie Besitz von einem Menschen ergriffen haben.
Daher handelt es sich bei diesem Pergament um weit mehr als nur ein einfaches Objekt, sondern viel mehr um eine Verbindung, zwischen dem Menschen und der Hoffnung auf Heilung durch Magie, in Form eines gefalteten Schutzes gegen Dämonen.

