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Wenn wir heute in den Sternenhimmel schauen, entdecken wir vielerlei uns bekannte Sternbilder. Mal mit gut nachvollziehbaren Benennungen, mal mit solchen, die uns etwas mehr Vorstellungskraft abverlangen. Sogar Planeten können wir mit bloßem Auge erkennen. Durch Raumfahrt wurde es möglich, die Himmelskörper genauer zu untersuchen und sich ein Bild ihrer Beschaffenheit zu machen. Obwohl der Himmel heute gut erforscht ist, ist er für uns doch noch immer faszinierend. Und so entsteht beim Anblick des Nachthimmels auch heute noch fast automatisch die Frage: Woher kommt das alles?
Dass dieser Gedanke auch Menschen im Ägypten des 4.Jh. n. Chr. beschäftigte, legt uns der hier vorgestellte Papyrus nahe. Obwohl er nur sehr fragmentarisch erhalten ist, lässt sich anhand der Schrift erkennen, dass der Text zu dieser Zeit verfasst wurde. Im mittelägyptischen Eschmunen, gefunden, wurde er 1900 von Ludwig Borchardt angekauft und gelangte im selben Jahr in die Berliner Papyrussammlung.
Die wenigen Worte, die sich darin lesen lassen, geben einen deutlichen Hinweis auf seinen Inhalt. Es werden Himmelskörper erwähnt: „Phaethon“, der Leuchtende und „Phoibos“, Apollon in seiner Funktion als Sonne. Außerdem ist die Rede von „Gaia“, der Erde und „Erigeneia“, der „Früherwachenden“, – der Morgenröte, vom „Ursprünglichen“ und der „blinden Nacht“. Offensichtlich werden im Papyrus Himmelskörper und -erscheinungen erwähnt. Der „Ursprung“ und die „blinde Nacht“ sind Begriffe, die mit der griechisch-römischen Vorstellung von der Entstehung des Kosmos‘ einhergehen.
Die Menschen in der Antike sprachen dem Himmel große Bedeutung zu – Sterne dienten nicht nur seit jeher zur Orientierung in Raum und Zeit, sondern wurden beispielsweise auch dazu genutzt, Horoskope zu erstellen und zu deuten, wie es auch heutzutage noch ab und an getan wird. Die Astronomie gehörte dabei zur Bildung wie Musik, Sport und Rhetorik.
Antikes Wissen wurde oft in Gedichtform vermittelt. Schon um 700 v. Chr. finden sich mit Hesiod die ersten Spuren der großen Gattung der Lehrgedichte innerhalb der griechisch-römischen Literatur. Neben mythologischem Stoff wie der Kosmogonie oder der Genealogie der Götter wurden auch philosophische Themen und Weltanschauungen verarbeitet. Aber auch pragmatischeres Wissen – z.B. über Landwirtschaft, Botanik, Medizin oder sogar Kochrezepte wurde in Gedichten vermittelt. Unser Papyrus hier ist in Hexametern verfasst – dem klassischen Versmaß der griechischen und römischen Dichtung – und gehört damit ebenfalls zu dieser lyrischen Gattung.
In der Antike war die Wissenschaft stets religiös eingebettet: Der Kosmos – und damit alle seine Naturgesetze – war göttlicher Ordnung. Wer heute Texte im Bildungswesen verfasst, schreibt wissenschaftlich, möglichst neutral und faktenbasiert – für den antiken Menschen jedoch war eine Verflechtung von Wissen, Ästhetik und Glauben ganz normal. Auch eine klare Trennung zwischen Astronomie und Astrologie gab es noch nicht. Und so verwundert es wenig, dass für antike Fachliteratur nicht nur prosaische, sondern oft auch lyrische Ausdrucksformen gewählt wurden.
Es war üblich, dass solche Werke mit einem Götter- oder Musenanruf begannen. In unserem Papyrus richtet der Autor sein Vorwort wahrscheinlich an die Muse Urania, deren Zuständigkeitsbereich der Himmel im weiteren Sinn ist: Als älteste der 12 Töchter von Zeus und Mnemosyne wurde sie als Muse der Astronomie und der Astrologie verehrt. Laut dem römischen Autor Statius konnte sie außerdem die Zukunft durch die Anordnung der Sterne voraussehen – was uns vor Augen führt, dass auch Horoskopie ein wichtiger Teil der Astrologie war: Menschen hielten die Position der Himmelskörper am Himmel zum Zeitpunkt der Geburt in Horoskopen fest und wollten durch deren Interpretation das Schicksal des Neugeborenen voraussagen.
Wie viel Bezug der Autor von unserem Papyrus in seinem Gedicht tatsächlich auf die Astrologie genommen hat, oder ob es sich um ein eher astronomisches Gedicht gehandelt hat, ist nicht klar. Am Anfang seines Textes lässt sich aber erahnen, dass die Schöpfung der Welt, oder besser, der Ur-Zustand vor der Schöpfung der Welt thematisiert wurde. Es geht um Chaos – Unordnung und Leere und den „Ursprung“ von allem. Es geht um die Dinge, die existierten, bevor alles andere entstand und in dem uns vorliegenden Fragment vor allem um die Dinge, die noch nicht waren.
5 „Denn zuvor […] weder [… noch] […]“
(…)
7 „und noch nicht […]“
8 „auch Phaethon selbst [leuchtete noch nicht […]]“
Die fragmentarischen Versanfänge erinnern an eine Stelle aus dem Beginn von Ovids Metamorphosen:
10 „Noch nicht goss ein Titan in das Weltall leuchtende Strahlen,
11 noch nicht füllte aus durch Zuwachs Phöbus die Hörner.
12 eigenes Gewicht auch hielt noch nicht frei schwebend die Erde“
Ovid beschreibt, was alles noch nicht war, bevor die kosmische Ordnung entstand. Es ist wahrscheinlich, dass der Autor des Gedichts auf unserem Papyrus nach seiner Eröffnung ebenso wie Ovid weiterverfährt und beschreibt, wie göttliche Ordnung in dieses Chaos kam: Wie der Himmel und die Erde geschaffen wurden, wie die vielen Sterne und Konstellationen in ihm verteilt wurden und so letztendlich das Gefüge entstand, was den antiken Menschen Kompass und Zeitmesser war und dem sie große religiöse Bedeutung zumaßen.
Der Himmel war, wie die Götter selbst, unerreicht. Weihrauch und die Branddämpfe von Opfern wurden stets nach oben, Richtung Himmel geschickt. Und aufmerksam studierten die Menschen, was sie sahen, wenn sie hinaufschauten – um vielleicht doch die ein oder andere Botschaft aus der Götterwelt zu erhaschen.

