BGU I 304 (P. 2547)
In der Antike galt Ägypten als „Kornkammer Roms“, da die fruchtbaren Nilebenen über Jahrhunderte einen großen Teil der Getreideversorgung des Römischen Reiches sicherstellten. Brot war ein zentrales Grundnahrungsmittel. Es existierte eine beeindruckende Vielfalt an Brotsorten. Der hier vorgestellte Papyrus greift dieses Thema auf, allerdings nicht im Hinblick auf unterschiedliche Brotsorten, sondern auf eine außergewöhnlich große Menge an Brot.
Bei dem Dokument handelt es sich um einen Vertrag, der zugleich als Quittung für eine umfangreiche Getreidelieferung dient. Ein Mann namens Elias aus Herakleopolis bestätigt darin, von seinem Auftraggeber Flavius Christophoros eine große Menge Getreide erhalten zu haben – umgerechnet etwa 600 Kilogramm. Im Gegenzug verpflichtet er sich, das Getreide auf Anweisung zu kleinen Broten zu verarbeiten und zu einem späteren, nicht näher bestimmten Zeitpunkt zurückzuliefern. Der Auftraggeber Flavius Christophoros bekleidete das Amt des Pagarchen, eine hohe Verwaltungsposition direkt unterhalb des Provinzstatthalters. Er wickelte das Geschäft nicht persönlich ab, sondern ließ es durch seinen Verwalter Kosmas durchführen.
Cosmas verfasste vermutlich den Großteil des Vertrags. Seine Handschrift ist geübt und schnell, geprägt von zahlreichen Abkürzungen, was die Entzifferung des Textes erschwert. Deutlich unterscheidet sich davon die eigenhändige Unterschrift des Elias. Seine Schrift wirkt weniger ausgebildet; er verwendet ausschließlich Großbuchstaben, begeht einen auffälligen Rechtschreibfehler und muss seinen Namen aus Platzmangel am Rand des Papyrus ungewöhnlich anordnen: er stapelt die Buschstaben abenteuerlich in die Höhe. Dennoch zeigt seine Unterschrift, dass er schreiben konnte – eine Fähigkeit, die für jemanden seines Berufsstandes keineswegs selbstverständlich war.
Eine weitere Person, die im Vertrag erscheint, ist der Notar Anup. Er unterzeichnet das Dokument mindestens zweimal, jeweils mit Namensnennung, Bekräftigungsformel und Berufsbezeichnung als Vertragsschreiber. Bemerkenswert ist, dass er seinen Namen sowohl in lateinischen als auch in griechischen Buchstaben niederschreibt, allerdings beide Male in griechischer Sprache. Sowohl Flavius Christophoros als auch Anup sind aus anderen Papyri derselben Region bekannt. Dadurch konnten Historiker das Dokument präzise datieren: auf den 21. November 647 n. Chr.
Diese Datierung fällt in eine Zeit des politischen Umbruchs. Die byzantinische Herrschaft in Ägypten war gerade von den Arabern abgelöst worden. Dieser Wandel spiegelt sich im Vertrag wider: Am Ende fehlt ein religiöser oder kaiserlicher Schwur, wie er zuvor üblich gewesen wäre. Stattdessen findet sich lediglich eine schlichte Bekräftigungsformel: „Ich, Elias (…), bleibe bei meinem Wort.“
Einige Fragen bleiben jedoch offen und können vermutlich nie geklärt werden: Warum wird bei einem Geschäft dieser Größenordnung kein Geldbetrag genannt? Und weshalb benötigt ein hoher Beamter zu einem unbestimmten Zeitpunkt eine derart große Menge Brot? Der Text selbst liefert keine Antworten. Möglich ist, dass das Brot zur Versorgung von Soldaten bei einem Feldzug dienen sollte. Ebenso denkbar ist eine öffentliche Speisung oder eine große Feier. Letztlich bleibt die genaue Verwendung Spekulation – doch der Papyrus gewährt einen faszinierenden Einblick in Verwaltung, Wirtschaft und Alltagsleben im Ägypten des 7. Jahrhunderts.

