BGU XIII 2217 (P. 25120 R)
Was haben zwei Silberkronen, ein paar Bronzestatuen, Lampenständer und Kriegstrompeten gemeinsam? Sie alle tauchen in einem rund 1850 Jahre alten Papyrus aus Ägypten auf. Was zunächst wie eine ziemlich trockene Inventarliste klingt, erzählt beim genaueren Hinsehen einiges über das religiöse Leben und die Verwaltung ägyptischer Tempel unter römischer Herrschaft.
Der Papyrus stammt aus Soknopaiu Nesos, dem heutigen Dimeh im Norden des Fayum. Der Ort lag weitab von allen anderen menschlichen Siedlungen. Gegründet wurde Soknopaiu Nesos wahrscheinlich im 3. Jh. v. Chr. Er entwickelte sich zum wichtigsten Kultort des Gottes Soknopaios, einer lokalen Erscheinungsform des Krokodilgottes Sobek, der als Krokodil mit Falkenkopf dargestellt wird. Allerdings wurde in dem Gebiet nicht nur Soknopaios verehrt, auch viele weitere Gottheiten hatten dort ihre Heiligtümer. Ein großer Tempelkomplex im Norden der Siedlung prägte den Ort, der heute vor allem für seine außergewöhnlich gute Erhaltung und die zahlreichen dort gefundenen griechischen und demotischen Papyri bekannt ist.
Auf der Vorderseite des Papyrus haben sich die Reste von zwei Kolumnen eines griechischen Textes erhalten. Dieser listet das Inventar mehrere Heiligtümer unterschiedlicher Götter auf. Diese unterstanden organisatorisch dem Haupttempel von Soknopaiu Nesos. Während in der ersten Kolumne der Bezugsort nicht überliefert ist, werden in der zweiten Kolumne unter anderem ein Heiligtum der Dioskuren, Schreine für Isis und Harpokrates sowie ein Soknopaieion genannt.
Zu jedem Heiligtum werden die zugehörigen Kultgegenstände aufgelistet. Dazu gehören neben den bereits genannten Silberkronen, Bronzestatuen, Lampenständern und Kriegstrompeten auch Schmuck, Krokodilmumien und Opferschalen. Am Ende der zweiten Kolumne beginnt ein weiterer Abschnitt, der sich mit den Einnahmen des Tempels befasst. Der ursprüngliche Text beschränkte sich folglich nicht auf die Auflistung der Besitztümer.
Hinweis auf die Entstehungszeit des Textes gibt die Bezeichnung des Kaisers Antoninus Pius als theos. Dies verdeutlicht, dass der römische Herrscher zum Zeitpunkt der Verfassung des Textes bereits verstorben und vergöttlicht gewesen sein muss. Da beides 161 n. Chr. geschah, kann der Papyrus erst in der Folgezeit entstanden sein. Gleichzeitig verweist das Dokument auf ältere Verwaltungsmaßnahmen, darunter eine Änderung aus der Regierungszeit Hadrians, die demnach über mindestens 40 Jahre hinweg Bestand hatte.
Besonders spannend ist der Vergleich mit einem anderen Dokument. Der Papyrus SB X 10281, welcher heute in Wien aufbewahrt wird und nach 138 n. Chr. entstanden ist, überliefert eine sehr ähnliche Version des Textes und ermöglicht, die beschädigte zweite Kolumne vom Berliner Papyrus ab Zeile acht nahezu vollständig zu ergänzen. Die beiden Texte stimmen dabei fast wörtlich überein. Der Vergleich zeigt außerdem, dass sich die Inventare über längere Zeit erstaunlich wenig veränderten. Zwischen den beiden Fassungen gibt es nur zwei wesentliche Unterschiede, die Heiligtümer und ihr Besitz blieben also über Jahrzehnte hinweg bemerkenswert konstant.
Doch warum wurden überhaupt solche Dokumente angefertigt? Während die Tempel in ptolemäischer Zeit großen politischen und wirtschaftlichen Einfluss besaßen und weitgehend frei von staatlichen Zwängen waren, wurden sie unter römischer Herrschaft zunehmend entmachtet und staatlich kontrolliert. Besitz, Einnahmen und Personal mussten regelmäßig erfasst werden, damit anhand dieser Angaben die Heiligtümer überprüft werden konnten. Bei diesem Papyrus handelt es sich also um ein Verwaltungsdokument, das genauen offiziellen Anforderungen entsprach.
Eine weitere Liste findet sich auf der Rückseite des Papyrus (BGU XIII 2219), wo Priester einer Phyle aufgezählt werden. Der Text stammt zwar von einer anderen Hand als die Vorderseite, dürfte aber ebenfalls Teil derselben Verwaltungsdokumentation gewesen sein. Auffällig sind dabei die überwiegend ortsspezifischen ägyptischen Namen der Priester. Namen wie Stotoetis oder Panephremmis kommen besonders häufig oder sogar ausschließlich in Soknopaiu Nesos vor und deuten darauf hin, dass sich die ansässigen Familien primär untereinander vermählten und eine eng verflochtene Gemeinschaft bildeten.
Die scheinbar nüchternen Verwaltungsdokumente bilden also ein erstaunlich vielseitiges Zeugnis: Die Inventarliste zeigt nicht nur, welche Heiligtümer zum Verwaltungsbereich von Soknopaiu Nesos gehörten, welche Kultgegenstände dort aufbewahrt und wie sorgfältig sie erfasst wurden, auch die zunehmende staatliche Kontrolle der ägyptischen Tempel unter römischer Herrschaft wird verdeutlicht. Damit vermittelt der Text einen anschaulichen Einblick in die religiösen und administrativen Strukturen des Fayum im 2. Jh. n. Chr.

