Ein Kamel auf Dienstreise

BGU I 266 (P. 7107)

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Als Kaiser Caracalla im Jahr 216 n. Chr. gegen den parthischen Großkönig Artabanos IV. in den Krieg zog, benötigte er nicht nur Soldaten, sondern auch Tiere für die Kavallerie sowie den Transport schwerer Lasten. Das römische Heer glich einer umherziehenden Kleinstadt und bestand in diesem Fall aus acht Legionen à ca. 5.000 Mann, begleitet von etlichen Hilfstruppen und mehreren zehntausend (Last)Tieren im Tross. Einen spannenden Blick hinter die Kulissen dieser logistischen Leistung gewährt dieser Papyrus, der von einem Kamel (eigentlich ein Dromedar) berichtet, das vor gut 1 800 Jahren die weite „Dienstreise“ als Lasttier vom ägyptischen Fayum in das Partherreich im Auftrag des römischen Kaiserhauses antrat.

Durch die Nennung von Soknopaiu Nesos (das heutige Dimeh es-Seba) kann die Herkunft in dem am Rande des Fayum-Beckens gelegenen Ort in Ägypten lokalisiert werden. Dabei handelt es sich um eine Siedlung am Ufer des Qarunsees, die von einem gewaltigen Tempel der gleichnamigen krokodilartigen Gottheit dominiert wurde.

In der ägyptischen Verwaltung gab es die jährliche Pflicht, bei der zuständigen Behörde eine Erklärung des aktuellen Besitzes (ἀπογραφή) einzureichen, anhand welcher etwa die fällige Steuer berechnet wurde. Diese Deklarationen konnten sich auf Immobilien, der Anzahl der im Haushalt lebenden Personen oder auch auf den Tierbesitz beziehen. Da sich die trockenere Region um Soknopaiu Nesos im Gegensatz zum fruchtbareren Becken des Fayums weniger für die Landwirtschaft und mehr für die Viehzucht eignet, wurden dort hauptsächlich Kamele gehalten. Der Großteil der 47 noch heute erhaltenen Kameldeklarationen stammt genau aus diesem Ort, wobei die durchschnittliche Anzahl je Deklaration bei 3,7 Tieren lag.

Eine Ägypterin namens Aurelia Taesis tritt im Papyrus als diejenige auf, welche ihren Besitz in Form von zwei Kamelen für das Vorjahr 215/216 n. Chr. angegeben hatte. Da es Frauen nicht gestattet war, selbst die Deklaration einzureichen, wurde sie durch einen männlichen Vormund vertreten, Obwohl sich dessen Namen sich nicht erhalten hat, deutet sein überlieferter Vatersname Pasoknopaios („Der aus dem Soknopaiu“ bzw. „Diener des Gottes Soknopaiu“) jedoch darauf hin, dass dieser ebenfalls ein ortsansässiger Ägypter war. Das Schreiben ist an die Verwaltung der nordwestlichsten der drei Arsinoites-Verwaltungseinheiten (Fayum), den Herakleides Bezirk, in Person des Verwalters (στρατηγός) Aurelius Dionysios und des königlichen Schreibers Aurelius Isidotos, gerichtet.

Auffällig ist die sonderbare Häufung des eigentlich römischen nomen gentile „Aurelius/a“. Diese Anomalie lässt sich auf die Macht im Hintergrund des Geschehens zurückführen: Das römische Kaiserhaus, genauer gesagt die nordafrikanisch-syrische severische Dynastie unter Caracalla (211–217 n. Chr.). Der Kaiser tritt im vorliegenden Papyrus nicht nur als die treibende Kraft des Geschehens auf, sondern ist durch die von ihm im Jahr 212 n. Chr. erlassene Constitutio Antoniniana direkt an der Namensgebung der überlieferten Personen beteiligt. Gemäß dieser Verordnung wurde angestrebt, dass alle freien Bewohner des Reiches das römische Bürgerrecht erlangen sollten. Dieses Vorhaben resultierte in einer der signifikantesten Einbürgerungswellen der Menschheitsgeschichte, in deren Zuge nahezu 30 Millionen Personen eingebürgert wurden und den Namen der Kaiserfamilie erhielten. In diesem Fall „Aurelius/a“, ausgehend von Caracallas Kaisernamen „Marcus Aurelius Severus Antoninus“. Das Edikt ermöglichte es dem Kaiser außerdem, die „neugewonnenen“ Bürger einfacher als dringend benötigte Legionäre in seine Kriegsvorbereitungen gegen seinen großen Feind im Osten einzubinden.

Gemäß den antiken Quellen (Cassius Dio, Herodian & Historia Augusta) unternahm Caracalla bereits im Jahr 213 n. Chr. einen vergeblichen Versuch, einen Krieg im sich abzeichnenden Brüderzwist zwischen dem amtierenden Großkönig Vologaeses VI. und Artabanus (IV.) um die parthische Herrschaft anzuzetteln. Daraufhin entthronte er die benachbarten römischen Vasallenkönige von Armenien und Osrhoene, um ihre Länder als offizielle römische Provinzen militärisch aufrüsten zu können. Bei seinem Besuch in Ägypten im Winter 215/216 n. Chr. dürften, wie aus dem vorliegenden Papyrus hervorgeht, neben der Verehrung Alexanders des Großen und des Gottes Serapis sowie dem eventuellen Massaker von Alexandria auch die konkreten Planungen für den kommenden Kriegszug eine Rolle gespielt haben. Der Papyrus berichtet, dass hierfür die beiden Kamele von Aurelia Taesis zunächst für die Festivitäten des Kaiserbesuchs genutzt wurden, dann zurückkehrten und schließlich erneut requiriert wurden. Ein Centurio der Legio XVI Flavia Firma, Aurelius Calvisius Maximus, wählte die Tiere mit der Erlaubnis des römischen Präfekten von Ägypten, Valerius Datus, zu diesem Zweck aus. Bei der Begutachtung der Kamele wurde jedoch nur eines als geeignet für die kommenden Strapazen eingestuft; das andere kehrte wieder heim.

Der Umstand, dass am Ende nur ein Kamel als vorläufiger Besitz übrigblieb, wird am Ende des Papyrus durch die Behörde beglaubigte und mit dem Tagesdatum (5. Mecheir, d.h. 30.01.) versehen. Für Deklarationen typisch wurde diese zu Beginn des sechsten ägyptischen Monats Mecheir (Ende Januar) durchgeführt. Besonders ist, dass der Vermerk durch eine dritte Hand mit dem Zusatz „Ich habe (den Eintrag) getilgt“ wieder gelöscht wurde. Über die Gründe hierfür, etwa um Missbrauch vorzubeugen, kann nur gemutmaßt werden. Interessant ist darüber hinaus, dass das Dokument die letzte überlieferte Kameldeklaration darstellt. Warum die Überlieferung darauf abbricht, ist ebenfalls unklar. Ein weiteres Rätsel bleibt, was mit dem Kamel passierte, dass zunächst den weiten Weg in die Provinz Syria zurücklegte, um von dort weiter als Lasttier gegen den parthischen Großkönig zu ziehen.

Der Kriegsverlauf selbst verlief zunächst vielversprechend für die römische Seite, und die Eroberung der Provinzhauptstadt Arbela (das heutige Erbil) samt Plünderung der Königsnekropole stellte einen frühen Höhepunkt dar. Die Kampfhandlungen endeten jedoch abrupt am 8. April 217 n. Chr. mit der Ermordung Kaiser Caracallas durch seine eigenen Soldaten und der Begleichung gewaltiger Reparationszahlungen an die Parther durch seinen Nachfolger, Macrinus. Ob unser Kamel die Wirren des Krieges überlebte und ob ihm der lange Heimweg seiner „Dienstreise“ zurück an die Ufer des Qarunsees gelang, wird wie gesagt ein Geheimnis bleiben und doch wird deutlich, dass eine einfache Deklaration erheblich mehr zu berichten hat, als es zunächst den Anschein hat.

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