SB XIV 11658 (P. 13232 V)
Ein 1.400 Jahre altes Papyrusfragment aus Ägypten enthält nur wenige Worte – doch die haben es in sich. Zwischen Orakeltradition, christlicher Frömmigkeit und magischen Praktiken entzieht sich der Text jeder eindeutigen Deutung. Das unscheinbares Papyrusstück wirft große Fragen auf: Ist sein kurzer christlicher Text die Antwort eines Orakels, ein persönliches Schutzamulett oder etwas ganz anderes? Die Spurensuche führt von antiken Tempeln über byzantinische Magie bis zu den Grenzen moderner Forschung.
Herrschaft großer, kulturell vielfältiger Gebiete durch ferne Zentralgewalten führt zwangsläufig zu politischen, religiösen und kulturellen Konflikten. Zumindest der religiöse Aspekt stellte zu Zeiten antiker Eroberungen meist kein allzu großes Problem dar. Polytheistische Götterkulte lassen sich leicht erweitern, ähnliche Gottheiten zusammenführen oder auswechseln. Schwieriger wurde es nach Kaiser Konstantins Konvertierung zum Christentum. Die meisten Elemente des bisherigen Glaubens und der religiösen Praxis standen nun in direktem Konflikt mit der Staatsreligion des großen römischen Gebietes. Das Orakel stellt eine der vorchristlichen Praktiken dar, die aber in angepasster Form weitergeführt wurde.
Eine Seite des Berliner Papyrusstück P. 13232 wurde erstmals 1976 von K. Treu als eine eben solche „Christliche Orakelantwort“ publiziert. Das Stück wurde 1905 unter Leitung von Otto Rubensohn in Hermupolis (dem heutigen Eschmunen) ausgegraben. Es ist beidseitig beschrieben: auf der einen Seite haben sich lediglich 2 unvollständige Zeilen einer Urkunde erhalten; auf der anderen Seite 3 vollständige kurze Zeilen, vor denen ein Kreuz steht.
Der vollständige Text einer Seite mit einem fragmentarischen Text auf der anderen Seite legt nahe, dass letzterer zuerst verfasst wurde und dann ein Ausschnitt dessen Papyrus für diesen magischen Text verwendet wurde, womit dieser in dieselbe Zeit oder später datieren würde.
Die zwei abgeschnittenen Zeilen auf der Rektoseite sind in kursiver, schwunghafter Schrift im Stil des 6.-7. Jahrhunderts geschrieben, wie er für dokumentarische Texte üblich war. Er wurde transversa charta geschrieben (der Papyrus wurde vor dem Schreiben um 90 Grad gedreht). Die großen Zeilenabstände wurden eher ungenau eingehalten, wobei am unteren Ende des Fragments ein Bereich der Größe des oberen Zeilenabstandes keinerlei Schriftspuren enthält, was nahelegt, dass es sich hier um das erhaltene untere Ende des ursprünglichen Papyrus handelt. Der kurze Text wurde noch nicht publiziert, lässt aber aufgrund der wenigen erhaltenen Buchstaben auch keine weiteren großen Schlussfolgerungen zu. Die christlich-byzantinische Zuweisung basiert vor allem auf paläographischen Charakteristika dieser Zeit und dem Kreuzzeichen vor der ersten Zeile der Versoseite.
Der Text auf der Versoseite
1 μη βλαψης την
2 ψυχην σου εκ θ(εο)υ
3 γαρ του εναμενον
kann übersetzt werden als: „Tu deiner Seele keinen Schaden, denn das Geschehene ist von Gott.“ (K. Treu)
Orakeltexte, als konjunktive Fragen an die Gottheiten formuliert, wurden in vorchristlicher Zeit meist auf vorher unbenutzten Blättern geschrieben, wohingegen dieses wiederbenutzte Stück den Text auf der anderen Seite gehabt hätte.
Für Orakeleingaben wurde im sogenannten „Ticketorakel“ eine Möglichkeit einmal bejahend und einmal verneinend auf separaten Papyri verzeichnet. Diese wurden dann in einem Tempel abgegeben und, nach unbekannter Prozedur, erhielt die fragende Person einen der möglichen Texte als Antwort zurück.
In vorchristlicher Zeit wurden diese Texte im Stil eines Briefes verfasst, wobei zuerst der Gott angerufen wurde, dann eine Möglichkeit konjunktiv formuliert wurde und zuletzt die Bitte nach dem Anzeigen/der Rückgabe dieser Antwort, im Falle ihrer Wahrheit, stand. In Papyrusorakeln stellte dies ein einheitliches System dar, welches über ein Jahrtausend lang grundsätzlich gleichblieb und demnach wohl allgemeinen Grundsätzen unterlag, durch welche Texte vom jeweiligen Schreiber/Autor vereinheitlicht wurden. Diese Struktur passt nicht zu diesem Text und in seiner Ungenauigkeit wäre es schwer, ihn als eine von zwei fragenden Möglichkeiten zu erkennen. Orakeltexte in byzantinischer Zeit sind, trotz Weiterführung/Neuentdeckung innerhalb christlicher Praxis, um ein vieles rarer. Die fünf anderen als solche publizierten Stücke folgen weiter der heidnischen Form der Orakelfrage.
Im Vergleich mit anderen christlichen Texten ist der Text am ehesten als Gebet, Zauberspruch oder Amulett verorten. Er hat in diesen Textkategorien jedoch ebenfalls kein klares formales oder inhaltliches Äquivalent (Texte sind meist länger, spezifischer) und ist daher auch aus diesem Kontext heraus schwer zu deuten. Die Möglichkeit des Textes als reines Gebet oder Amulett hat bereits Lucia Papini angemerkt.
Laut H. R. E. Horsley spricht der Erhalt dieses Stückes für eine mögliche große persönliche Bedeutung für den Rezipienten, z.B. als Amulett. Das träfe wohl generell eher auf Objekte zu, welche eine direkte Formulierung religiösen Ursprungs beinhalten, statt nur, wie ein Ticketorakel, durch offizielle religiöse Praxis verordnet wurden. Das Stück weist allerdings keinerlei Faltungen auf, wie sie bei Amuletten häufig vorkamen.
Die textliche Übersetzung ist klar, die theologische Deutung hingegen schwieriger. Das einzelne Kreuz wird hier nach üblicher Weise am Beginn oder in Umschließung von Text oder Textabschnitten verwendet. Die andere häufige Form ist eine Ansammlung von 3 nebeneinanderstehenden Kreuzen, meist am Schluss. Diese wurden aber am häufigsten für Flüche verwendet, welche als Textgattung für dieses Stück sowieso auszuschließen sind.
Die Schreibweise des Kreuzes in christlichen Texten überlappt in seiner Entwicklung mit genereller griechischer Paläographie. Geschwungene Schrift führt zu asymmetrischeren Kreuzen, deren Balken sich horizontal oder vertikal ausdehnen, wodurch Kreuze ab dem 6. Jahrhundert häufig dem lateinischen Kreuz (crux immissa) ähnelten. Als eines der wenigen Beispiele eines Kreuzes in einem unzial geschriebenen Text nach dem 5. Jahrhundert widerspräche dieses Kreuz also der Gesamtentwicklung, da es sehr symmetrisch aussieht, weshalb dieser Entwicklung wohl keine generelle stilistische Bedeutung für die textliche Kreuzdarstellung beizumessen ist.
Amulette wurden häufig mit biblischen Zitaten und Formulierungen beschrieben. Ich konnte für diesen Text keine exakte Quelle finden. Ähnlichkeit bestünde nur mit vereinzelten Psalmenanfängen (25, 38). Die imperative Verbform legt eine anweisende Gebetsformulierung an Adressaten nahe. Hier könnte es um seelische oder geistige Krankheit, zum Beispiel als Teil eines Exorzismus, gegangen haben.
Die genaue Funktion des Stückes ist weiterhin fraglich. Das Berliner Papyrusfragment P. 13232 passt in keine bekannte Schublade. Gerade deshalb eröffnet der rätselhafte Text faszinierende Einblicke in die religiöse Praxis zwischen Christentum und antiker Magie. Weder als Orakel, noch als Amulett oder Zauberspruch entspricht es den Gattungsnormen, weshalb es sich nur als christlichen magischen Text festlegen lässt, welcher möglicherweise eine Bedeutung zwischen oder außerhalb dieser Kategorien hatte.

